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Betreuungskraft sein oder nicht sein? Was Paul Watzlawick mit 24h-Betreuung zu tun hat ?

p-romanow
4. Sept.
3 Min. Lesezeit

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“


Dieser Satz stammt von Paul Watzlawick, einem österreichisch-amerikanischen Psychologen und Kommunikationstheoretiker.


Die Aussage dahinter ist eigentlich ganz einfach: Auch wenn wir nichts sagen, kommunizieren wir trotzdem.


Durch unser Schweigen.

Durch einen Blick.

Durch unsere Mimik.

Durch Gesten.

Durch unsere Körperhaltung.

Durch fehlende Reaktionen.

Und vor allem durch unser Verhalten.


Wenn jemand uns etwas fragt und wir einfach schweigen, haben wir vielleicht kein einziges Wort gesagt. Trotzdem haben wir etwas mitgeteilt.

Interessant?


Ich finde, dieser Gedanke passt erstaunlich gut zur 24h-Betreuung.

Denn dort gibt es eine Frage, die man sich manchmal stellen muss:


Ist jeder Mensch, der als Betreuungskraft zu einem Einsatz fährt, tatsächlich auch eine Betreuungskraft?


Und bevor das falsch verstanden wird: Es geht hier nicht darum, alle Betreuungskräfte über einen Kamm zu scheren.

Es gibt sehr gute Betreuungskräfte. Menschen, die sich auf den Senior einlassen, aufmerksam sind, Verantwortung übernehmen und mit der Zeit genau wissen, wann etwas nicht stimmt.

Aber es gibt eben auch die andere Seite.


Anwesenheit ist noch keine Betreuung


Eine Betreuungskraft muss nicht 24 Stunden am Tag neben dem Senior sitzen. Natürlich braucht sie Freizeit, Ruhe und Privatsphäre.

Darum geht es überhaupt nicht.


Es geht darum, was während der vereinbarten Betreuungszeit passiert.

Nehmen wir ein paar einfache Beispiele aus dem Alltag.


Die Betreuungskraft kocht das Mittagessen, stellt den Teller vor den Senior und geht anschließend in ihr Zimmer.

Der Senior isst alleine.

Was passiert, wenn er sich plötzlich verschluckt?


Oder ein anderes Beispiel:

Der Senior ist Diabetiker. Sein Blutzucker fällt stark ab. Die Betreuungskraft sitzt im Nebenraum und ist mit ihrem Handy beschäftigt.

Sie bekommt gar nicht mit, was passiert.


Oder:

Der Senior steht nachts auf und möchte zur Toilette. Er hat Probleme mit dem Gleichgewicht und braucht Unterstützung.

Er ruft.

Aber niemand kommt.


Oder:

Der Senior verhält sich plötzlich anders als sonst. Er ist ungewöhnlich schwach, verwirrt oder möchte nichts essen.

Eine aufmerksame Betreuungskraft bemerkt solche Veränderungen.

Eine andere sagt vielleicht einfach:

„Wird schon wieder.“


Und genau hier beginnt für mich der Unterschied zwischen körperlicher Anwesenheit und echter Betreuung.


Eine Betreuungskraft muss den Menschen sehen


24h-Betreuung bedeutet nicht nur Kochen, Einkaufen, Haushalt und die üblichen Aufgaben im Alltag.


Es bedeutet auch, einen Menschen zu beobachten und Veränderungen wahrzunehmen.


Wenn jemand jeden Morgen seinen Kaffee trinkt und ihn plötzlich stehen lässt, kann das eine Kleinigkeit sein.


Es kann aber auch ein Zeichen dafür sein, dass etwas nicht stimmt.

Wenn jemand normalerweise gerne spazieren geht und plötzlich nicht mehr aufstehen möchte, sollte man sich fragen, warum.

Wenn jemand plötzlich deutlich schlechter läuft als am Vortag, sollte man das nicht einfach ignorieren.

Genau dafür braucht es Aufmerksamkeit.


Nicht jede Betreuungskraft liebt ihren Beruf


Darüber sollte man ebenfalls ehrlich sprechen.

Die meisten Menschen kommen nicht in die 24h-Betreuung, weil sie schon als Kind davon geträumt haben, diesen Beruf auszuüben.

Sie kommen in erster Linie, weil sie Geld verdienen möchten.

Und daran ist grundsätzlich nichts falsch.

Arbeit muss keine Leidenschaft sein.

Aber wenn man für eine Tätigkeit bezahlt wird, sollte man sie trotzdem zuverlässig und verantwortungsvoll ausführen.

Die Unterschiede zwischen einzelnen Betreuungskräften sind enorm.

Manche kommen zu einem Einsatz, lernen den Senior kennen, interessieren sich für seinen Alltag und bauen Vertrauen auf.

Mit der Zeit wissen sie:


Wann braucht der Senior Hilfe?

Wann möchte er seine Ruhe?

Was isst er gerne?

Was macht ihm Angst?

Was ist für ihn normal?

Und vor allem:


Wann stimmt etwas nicht?

Andere zählen dagegen schon am ersten Tag die Tage bis zur Abreise.

Jede Kleinigkeit wird zum Problem.

Das Handy ist wichtiger als das Gespräch mit dem Senior.

Und statt sich auf den Menschen einzulassen, wird nur noch darauf gewartet, dass der Einsatz endlich vorbei ist.

Natürlich ist auch das nicht schwarz oder weiß.

Aber genau deshalb sollte man darüber sprechen.


Betreuung kommuniziert


Und hier sind wir wieder bei Paul Watzlawick.


„Man kann nicht nicht kommunizieren.“


Auch Betreuung kommuniziert.

Ein Senior merkt, ob jemand wirklich zuhört.

Er merkt, ob die Betreuungskraft aufmerksam ist.

Er merkt, ob sie ihn ernst nimmt.

Er merkt, ob sie bei einem Gespräch ständig auf das Handy schaut.

Er merkt, ob sie reagiert, wenn er Hilfe braucht.

Und er merkt auch, wenn jemand zwar körperlich anwesend ist, aber gedanklich längst woanders ist.


Man kann 24 Stunden im Haus eines Seniors sein…

und trotzdem nicht wirklich für ihn da sein.


Und umgekehrt kann eine Betreuungskraft durch kleine Dinge zeigen:

„Ich bin hier. Ich sehe dich. Ich höre dir zu. Du kannst dich auf mich verlassen.“


Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen

Betreuungskraft sein

und

wirklich betreuen.


Denn am Ende zählt nicht nur, was eine Betreuungskraft über sich selbst sagt.

Entscheidend ist, wie der Mensch, der betreut wird, die Betreuung erlebt.


Was meint ihr?


Reicht es aus, dass eine Betreuungskraft im Haus ist, damit man sagen kann, dass der Senior gut betreut wird?


Oder beginnt echte Betreuung erst dann, wenn man nicht nur anwesend ist, sondern auch wirklich aufmerksam ist?

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